Wie der Geist die Kirche bewegt

Tagung bringt international renommierte Expertinnen und Experten des katholisch-pfingstkirchlichen Dialog ins Gespräch

Vom 16. bis zum 18. September 2026 diskutierten internationale Theologinnen und Theologen in Paderborn über das Wirken des Heiligen Geistes und das sakramentale Denken. Die Fachtagung der Theologischen Fakultät Paderborn und des Möhler-Instituts für Ökumenik Paderborn zeigte überraschende Schnittstellen und produktive Differenzen zwischen katholischen, evangelischen und pentekostalen Zugängen auf.

Vom 16. bis zum 18. September 2026 fand in der Aula des Leokonvikts in Paderborn die internationale Tagung „The Spirit and the Sacraments. Engaging Pentecostal Theology“ in Kooperation der Theologischen Fakultät Paderborn und des Möhler-Instituts für Ökumenik Paderborn statt. Die ökumenisch ausgerichtete Tagung setzte sich mit der pfingstkirchlichen Theologie auseinander und brachte namhafte Theologinnen und Theologen dieser Tradition nach Paderborn. Katholische, evangelische und pfingstkirchliche Stimmen gingen gemeinsam der Frage nach, wie sich die im Pentekostalismus zentrale Erfahrung des Wirkens des Heiligen Geistes zum katholisch geprägten sakramentalen Denken verhält. Drei Themenfelder standen dabei im Mittelpunkt: die Relevanz geistgewirkter Erfahrungen für Glaube und Kirche, das Verhältnis von Geistwirkung und den Sakramenten sowie die Bedeutung des Geistes für das Verständnis von Kirche allgemein. Übergreifend ging es darum, wie pfingstkirchliches Denken mit seinem besonderen Schwerpunkt auf dem Wirken des Geistes Gottes zu einem Lernort für das katholische Verständnis der Sakramente und der Kirche werden kann.

Die Tagung wurde organisiert von Dominique-Marcel Kosack (Direktor für den Bereich „Charismatisches Christentum“ am Möhler-Institut), Miriam Raschka (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät), Christian Stoll (Leitender Direktor des Möhler-Instituts und Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät) und Cornelia Dockter (Junior-Professorin für Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät und Assoziierte Direktorin am Möhler-Institut).

Bedeutung spirituelle Erfahrungen

Am ersten Tag stand die Frage im Vordergrund, welche Bedeutung spirituelle Erfahrungen für die Begründung des Glaubens und als theologische Kategorie haben können. Die evangelische Theologin Ulrike Sallandt aus Oldenburg setzte sich dazu mit der Erfahrungsorientierung und Körperlichkeit pfingstkirchlicher Glaubenspraxen in Lateinamerika auseinander. Dabei betonte sie unter anderem, dass implizites religiöses Wissen solcher Praxen über den Gehalt theoretischer Begriffe hinausgeht – so verleihe „der persönliche Akt der Erlösung, der emotional und sinnlich erlebt wird, dem Gläubigen einen Sinn, der über das klassische Verständnis der Soteriologie hinausgeht“. Peter D. Neumann, pfingstkirchlicher Theologe an der reformierten Redeemer University im kanadischen Ancaster, und Markus Iff vom Theologischen Seminar der Freien evangelischen Gemeinden in Ewersbach fragten nach dem Einfluss spiritueller Erfahrungen auf die Begründung von Glaubensgewissheit.

Sakramentale und ekklesiologische Zugänge

Der zweite und der dritte Tag standen ganz im Zeichen sakramentaler und ekklesiologischer Zugänge. Der renommierte pfingstkirchliche Theologe Frank D. Macchia aus dem US-amerikanischen Costa Mesa zeigte anhand biblischer Zeugnisse die Bedeutung Christi als „Spirit-bearer“ (Geistträger) auf und verband ausgehend von der Geisttaufe Fragen der Christologie, der Lehre vom Heiligen Geist und der Sakramententheologie. „Da die Kirche im Heiligen Geist geboren ist“, ist er nach Macchia der Grund ihres Daseins und nicht nur ein sekundärer Faktor, „der sie bloß belebt“. Miriam Raschka fragte vor dem Hintergrund aus katholischer Perspektive unter anderem nach dem Zusammenhang von Geisttaufe und Sakramentalität der Kirche. Die katholischen Theologen Juan F. Usma Gomez vom Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen in Rom und Dominique-Marcel Kosack setzten sich mit dem gegenwärtigen offiziellen katholisch-pfingstkirchlichen Dialog auseinander und widmeten sich dabei besonders der Frage nach einer Annäherung der Kirchen in Fragen des Kirchen- und Sakramentenverständnisses.

Die aktuell im US-amerikanischen Cleveland wirkende pfingstkirchliche Theologin Daniela C. Augustine zeigte auf, wie Pfingstler osteuropäischer Prägung in Begegnung mit orthodoxer Theologie die gesamte Kirche und sogar den gesamten Kosmos eucharistisch denken können. Aus dieser Perspektive entwickelte sie sozialkritische Impulse für das missionarische Handeln der Kirche. Nach dem Fall des Kommunismus wurden die Suppenküchen der osteuropäischen Pfingstler nach Augustine zu „gastfreundlichen Heiligtümern“ – „als Erweiterung der Gastfreundschaft Gottes inmitten des eucharistischen Gottesdienstes der gesamten Schöpfung“. Im Zusammenhang mit der Response von Cornelia Dockter diskutierten beide unter anderem, wie sich eine solche eucharistische Weltsicht zu areligiösen Weltsichten verhält. Der unter anderem in Pasadena tätige lutherische Theologe pfingstlicher Prägung Veli-Matti Kärkkäinen setzte sich mit dem Schreiben „Iuvenescit Ecclesia“ des Dikasteriums für die Glaubenslehre und mit der dort behandelten Verhältnisbestimmung von Amt und Charisma auseinander. Der Innsbrucker katholische Theologen Willibald Sandler warf in diesem Zusammenhang unter anderem die Frage nach aktuellen Entwicklungen von Leitungsmodellen im pfingstlich-charismatischen Christentum auf.

Wolfgang Vondey, pfingstkirchlicher Theologe aus Birmingham, betonte die Bedeutung der subjektiven Dimension des Glaubens und der körperlichen Manifestation dieses Glaubens für sakramentales Denken. Dabei setzte er den in Pfingstkirchen praktizierten „Altarruf“ in Beziehung zum sakramentalen Denken katholischer Tradition. „Das Sprechen in Zungen, die Prophezeiung, die Worte der Erkenntnis und die göttliche Heilung sind in demselben Sinne sakramental wie die Beichte, die Fußwaschung, die Wassertaufe und das Abendmahl.“ Der katholische Theologe Burkhard Neumann vom Paderborner Möhler-Institut machte im Gespräch mit Vondey insbesondere die Dimension der „Objektivität“ einer Gnadenzusage Gottes in den Sakramenten stark. Schließlich reflektierten die katholische Theologin Mary Healy, Sacred Heart Major Seminary Detroit, und der pfingstkirchliche Theologe Marc-Dominic Strunk, Theologisches Seminar Erzhausen, das Verhältnis von Geisttaufe und dem katholischen Sakrament der Firmung. Neben theologischen Verbindungen zwischen beidem ging es auch um grundlegende Unterschiede, etwa im Hinblick auf die Erfahrungsdimension und das Verhältnis zu kirchlichen Ämtern.

Resümee und Begleitprogramm der Tagung

Insgesamt konnten die Vorträge und Responses mit ihren unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen jeweils Schnittstellen, aber auch produktive Differenzen zwischen den unterschiedlichen Zugängen aufzeigen. Thematisiert wurde dabei auch, inwieweit die Begriffe „Erfahrung“ und „Sakrament“ von verschiedenen Dialogpartnern gleich oder unterschiedlich verwendet werden. Zudem wurden unter anderem Folgefragen nach der Wirksamkeit von Sakramenten, nach dem Ausbleiben der Erfahrung des Geistes, nach der Verbindung von Sakramenten und aktivem Leben sowie nach der Bedeutung kirchlicher Ämter für die Sakramentalität der Kirche diskutiert.

Neben den Vorträgen an den Vor- und Nachmittagen wurde die Tagung durch ein Abendprogramm mit Impulsen aus dem Bereich pfingstlich-charismatischer Praxis ergänzt. Am ersten Abend hatten die Teilnehmenden der Tagung die Möglichkeit, in einer Videokonferenz mit Patti Mansfield ins Gespräch zu kommen. Mansfield ist Zeitzeugin der Anfänge der Katholischen Charismatischen Erneuerung in den späten 1960er Jahren. Am zweiten Abend konnten Teilnehmende der Tagung gemeinsam mit der Charismatischen Erneuerung in Paderborn einen Worship-Abend in der Gaukirche feiern.

Hintergrund

Pfingstkirchen und Pfingstbewegung

Das pfingstlich-charismatische Christentum gehört zu den größten und dynamischsten religiösen Bewegungen weltweit. Das Spektrum reicht von klassischen Pfingstkirchen über indigene Kirchen im Globalen Süden, großstädtische Lifestyle-Kirchen bis hin zu charismatischen Erneuerungsbewegungen in den etablierten Großkirchen. Im deutschsprachigen Raum ist das charismatische Christentum zahlenmäßig relativ klein, es gewinnt aber in verschiedenen Kirchen an Bedeutung – durch eine „Charismatisierung“ christlicher Spiritualität (etwa in der Lobpreismusik), durch Multiplikator:innen in der Jugend- und Junge-Erwachsenen-Pastoral, durch Migration, durch die Anziehungskraft urbaner neo-charismatischer Gemeinden oder auch durch deren mediale Präsenz und Reichweite.

Theologische Fakultät Paderborn

Die Theologische Fakultät Paderborn ist eine staatlich anerkannte Hochschule in Trägerschaft des Erzbischöflichen Stuhls Paderborn. Als älteste Hochschule Westfalens wurde sie im Jahr 1614 gegründet. Sie umfasst heute 15 Lehrstühle aus allen Bereichen der Theologie sowie der Philosophie. Ausgestattet mit 15 Lehrstühlen und weiteren Dozierenden aus allen Bereichen der Theologie und der Philosophie bietet sie eine exzellente Ausbildung auf dem neuesten Stand der Forschung sowie ein intensives und individuelles Betreuungsangebot für Studierende. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Anbindung des Studiums an die verschiedenen Felder beruflicher Praxis.

Im Zentrum des Studiums steht die Frage nach einem zeitgemäßen Verstehen des christlichen Glaubens im Horizont der Vielfalt theologischer Stile und Methoden und deren transdisziplinärer Vermittlung. Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Frage nach konfessioneller Identität im Dialog mit den verschiedenen Denominationen und religiösen Traditionen.

Einen besonderen Schwerpunkt in Forschung und Lehre bildet die Frage nach konfessioneller Identität im Dialog mit den verschiedenen Denominationen und religiösen Traditionen.

Möhler-Institut für Ökumenik Paderborn

Das Möhler-Institut für Ökumenik ist ein Lehr- und Forschungsinstitut, das im Bereich des Dialogs der Römisch-Katholischen Kirche mit den anderen christlichen Konfessionen und Glaubensgemeinschaft tätig ist. Es begleitet mit wissenschaftlicher Expertise die ökumenischen Beziehungen der katholischen Kirche in Deutschland und wirkt zudem an internationalen Dialogen mit Kirchen der Reformation und der Orthodoxie mit.

Das Möhler-Institut für Ökumenik wurde am 19. Januar 1957 gegründet und ist nach dem Tübinger Theologen Johann Adam Möhler (1796 – 1838) benannt. Es ist eine Einrichtung in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn und akademisch der Theologischen Fakultät Paderborn angegliedert. Es beherbergt die größte Spezial-Bibliothek für Ökumenik, die über 160.000 Bände und circa 200 laufende Zeitschriften umfasst.